Cartier im V&A: Ein funkelndes Kapitel aus Handwerk, Stil und Vermächtnis
Immer wenn ich durch das Victoria & Albert Museums (V&A) in London betrete, merke ich: Hier werden Kunst, Design und Geschichte nicht nur ausgestellt, sondern gefeiert. Bei meinem letzten Besuch neulich spürte ich hier noch etwas Besonderes – die Aura von Cartier, deren Geschichte erzählt wird und deren Meisterstücke hier ausgestellt werden.
Von der Ausstellung Cartier erwartete ich ein wahrhaft funkelndes Fest für die Sinne. Und ich wurde nicht enttäuscht. Geöffnet noch bis 16. November 2025, ist dies die erste große Cartier-Schau in Großbritannien seit fast 30 Jahren. Diese Ausstellung wurde über Jahre hinweg geplant. Mit über 350 exquisiten Exponaten – darunter Schmuckstücke, historische Edelsteine, Uhren und Uhrengehäuse, Zeichnungen und Archivmaterial – bietet sie einen umfassenden Überblick über Cartier’s kreative Meisterschaft, technische Finesse und globale Ausstrahlung. Viele der Exponate wurden noch nie zuvor öffentlich ausgestellt.
Kuratiert von Helen Molesworth und Rachel Garrahan, und gestaltet von dem Architekten Asif Khan, ist die Ausstellung atemberaubend, sowohl ihr Umfang als auch die kunstvolle Präsentation, für die das V&A bekannt ist – so wie ich es schon in der Christian Dior – Designer of Dreams Ausstellung vor sechs Jahren erlebt hatte.
Und wie schon Christian Dior – Designer of Dreams befindet sich auch die Cartier Exhibition in der Sainsbury Gallery des Museums. Trotz der langen Gänge im riesigen Museumsgebäude und der unzähligen weiteren Sehens- und Besuchs-Würdigkeiten fand ich schnell meinen Weg wieder dorthin. Der eigens eingerichtete Shop vor dem Eingang – und und am Ausgang – der Schau zeigte mir schon erste Eindrücke und machte mich umso neugieriger auf das, was ich gleich sehen würde.
Die Tickets zu Cartier sind heißbegehrt. „Exhibition sold out“, lese ich – Etwas später erzähle ich, wie man doch noch in die Ausstellung kommt. Erwartungsgemäß bei solch begehrten Ausstellungen muss ich mich in einer Warteschlange anstellen. Eine Dame mit großem Hut und schwarzer Sonnenbrille kam direkt nach mir und stellte sich hinter mir an. Ganz schnell kamen wir in ein lockeres Gespräch über Mode und Design. Dies ist im weltoffenen London sehr leicht möglich und sehr angenehm. Wie sich herausstellte, kam sie aus San Francisco und hat sich auf den langen Weg nach London gemacht, eigens um die Ausstellung zu sehen. Die kurzweilige Unterhaltung hat uns die Wartezeit verkürzt. Das Museum ist sehr professionell und gut organisiert, so dass auch eine lange Schlange Wartender schnell eingelassen wird, ohne die Ausstellungsräume zu überfüllen.
Nun betrat ich die Ausstellung und es hatte beinahe etwas Feierliches. Räume voller Cartier-Schmuck und Edelsteine, die das Licht einfangen. Dies ist das Zentrum einer über ein Jahrhundert währenden Erzählung: die Geschichte von Cartier, seine Innovationen, königlichen Gönner, künstlerischen Inspirationen, kulturellen Wirken – und die schiere Schönheit von Edelsteinen, Metall und Gestaltung.
Der erste Raum erzählt von den Anfängen. Cartier wurde 1847 in Paris von Louis-François Cartier gegründet. Seine Enkel Louis, Pierre und Jacques erweiterten das Unternehmen im Laufe der Zeit weltweit, eröffneten Niederlassungen in London und New York und machten Cartier nicht nur zu einem Juwelier, sondern zu einem kulturellen Phänomen. Cartier wurde über Jahrzehnte hinweg zu einem der ikonischsten Namen in Schmuck und Uhren. Sein Einfluss sollte sich noch über Königtum, Prominenz und Aristokratie hinaus erstrecken.
Schon hier ist ein Highlight der Ausstellung für die Besucher sofort erkennbar: Ihr Arrangement selbst. Der Designer Asif Khan MBE hat eine „Traumlandschaft“ geschaffen. Die Objekte sind oft freischwebend im Licht präsentiert, mit genügend Raum, um sowohl Nähe als auch Distanz eine gute Sicht darauf zu ermöglichen. Viele Objekte sind in freistehenden Vitrinen platziert, so kann sie nicht nur von vorn, sondern auch von der Seite und von hinten betrachten. Beleuchtung, Spiegelungen und Vitrinen-Design bewirken dramatische Effekte.
Nach den Erzählungen über die frühen Jahre Cartiers werden im nächsten Raum die internationale Expansion beschrieben und wie Kunstdesign aus aller Welt das Cartier-Design beeinflusste. Gezeigt werden Inspirationsquellen etwa aus Indien, Ägypten, Russland, Japan und China. Originalartefakte, wie indische Miniaturen oder japanische Bildfragmente, sind den Schmuckstücken gegenübergestellt, als Dialog zwischen Idee und Cartiers Objekt.
Nicht diskutiert wird jedoch die Frage, woher die Steine stammen, wie ethisch ihr Abbau war, wie koloniale Geschichte und Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Die Ausstellung zeigt die historischen Bezugswege, aber nicht primär als Kritik an kolonialen oder ökologischen Aspekten.
Tutti-Frutti: Eine Passion für funkelnde Farben
Passend dazu schließt sich die Halle der Tutti Frutti-Schmuckstücke an. Die Stücke aus bunten Edelsteinen in gewagten Kompositionen wurden oft inspiriert durch die Reisen der Cartier-Designer nach Indien und durch künstlerische Traditionen dieser Regionen.


Der Ritterschlag: Royale Auftraggeber
Im nächsten Raum wird es royal. Stille im Dunkeln. Nur die Schmuckstücke aus den königlichen Sammlungen funkeln. Gebannt und fasziniert betrachten die Besucher etwa eine Tiara mit Aquamarinen von Prinzessin Anne, der Schwester von König Charles. Diese Tiara trug Anne schon auf Fotos.

Nun habe ich sie wenige Zentimeter vor meinen Augen. Auch die Zwillings-Brosche aus der Sammlung von König Charles. ein Foto daneben zeigt Elizabeth II. mit dieser Brosche am Kleid. Die Originalzeichnung, neben der Brosche platziert, lässt den Vergleich von wahrhaft brillianter Idee und handwerklicher Zeichenfertigkeit mit der Umsetzung in der originalen Brosche zu.

Cartiers Verbindung mit dem britischen und weiteren Königshäusern ist zentral für seine Identität. Eine der frühesten königlichen Auszeichnungen war 1902, als König Edward VII. dem Haus Cartier einen königlichen Auftrag erteilte, wodurch Cartier den Titel „the jeweller of kings and the king of jewellers“ erhielt.
Wie schon bei Dior, vermittelt auch diese Ausstellung einen Einblick in die Herstellungs-prozesse ihrer Schmuckstücke. Skizzen, Videos, Wachsmodelle und Werkzeuge beschreiben am Beispiel des berühmten Panther-Motivs die filigrane Handarbeit hinter jedem Schmuckstück.
Die einzige Schlange, die ich zu Hause finden mag
Einen Raum für sich allein erhielt einer Schlange. Lebensgroß und und vollständig besetzt mit Edelsteinen wurde im Zentrum des Raumes platziert. So ist sie von allen Seiten sehr gut sichtbar. Es ist die Schlangenkette der mexikanischen Schauspielerin María Félix, das sie 1968 bei dem Juwelier in Auftrag gab. 57 cm lang und voll beweglich ist sie mit 2.473 Diamanten besetzt. Der untere Teil der Schlange ist in den Farben der mexikanischen Flagge – Grün, Schwarz und Rot – besetzt. Es ist ein ganz besonderes Meisterwerk von Cartier und ein spektakuläre Beispiel seiner herausragender Handwerkskunst.
Dank unserer modernen Technik erwacht das Edelsteinreptil dort auch zum Leben: In einem zweiminütigen Video sieht man, wie es sich ruhig, glitzernd und voller Anmut schlängeltund zum Schluss den Kopf auf den Körper zur Ruhe legt.


Der visuelle Höhepunkt
Im letzten Raum der Ausstellung werden einige Mädchen-Träume wahr. In sechs Vitrinen hat man sie direkt vor den Augen: Tiaras, die auf gekrönten und royalen Häuptern getragen wurden ebenso wie denen bürgerlicher Gattinen wohlhabender Industrieller. Tiaras unterschiedlichster Größen und Designs, inspiriert aus verschiedenen Teilen der Welt. Gedämpftes Licht, samtene Vitrinen und dramatische Spotlights lassen die Schätze filmisch strahlen – das visuelle Crescendo der Ausstellung und der Höhepunkt von Schmuckdesign in technischer und symbolischer Hinsicht.


Tradition und Innovation: Was Queen Elizabeth und Pop-Queen Rihanna gemeinsam haben
Cartier wäre nicht Cartier würde es sich nicht weiterentwickeln. Seine Innovationskraft zeigt sich darin, wie sich Schmuckmoden änderten und wie Cartier darauf reagierte und welche Rolle es später auch in der Popkultur spielte. Cartier erzählt nicht eine statische Geschichte. Sie zeigt Wiederfindung: sich ändernde Geschmäcker, neue Materialien, neue Kundschaft (Prominente, Medien), technische Verbesserungen in Fassung, Uhrmacherei, Zeitmessung. Als Symbol der heutigen Cartier-Welt verabschiedet mich Rihanna. Auf dem Cover des W-Magazin sehe ich die Pop-Queen mit der berühmten „Scroll“-Tiara auf dem Kopf, die einst von Queen Elisabeth II. bei ihrer Krönung getragen wurde.
Beindruckt von Design und der handwerklichen Großartigkeit der gezeigten Stücke verlasse ich die Ausstellung – wohl wissend, sie ist so umfangreich, dass ich nicht alle Details erfasst und alles Sehenswerte gesehen haben.

Mehr als reiner Glanz: Warum es sich lohnt, die Ausstellung unbedingt anzuschauen
Ein Rundgang durch die Cartier-Ausstellung ist wie eine Reise durch Zeit, Kontinente und Kulturen, Stil und Identität. Mal steht man vor einer filigranen Tiara, mal vor einem seltenen Diamanten, dann wieder vor einer Skizze, die die Entstehungsgeschichte offenbart. Die Räume erzählen von Moden und Ideen, die sich im Laufe der Jahrzehnte verändern: von 1900 bis in die Gegenwart, von königlicher Repräsentation bis zu Popkultur und Glamour. Cartier entwickelt sich mit – und prägt mit.
Cartier im V&A ist ein Meilenstein. Es ist Kulturgeschichte; ein Dialog zwischen Schönheit, Handwerkskunst, Identität und globalen Netzwerken. Diese Ausstellung zeigt mehr als schönen Schmuck; sie verfolgt auf eindrückliche Weise, wie Schönheit, Status, Design und Kultur verflochten sind. Cartier erscheint nicht nur als Marke, sondern als kultureller Akteur – jemand, der sowohl Werte, Ästhetik, Ambitionen und Widersprüche der Moderne geformt hat und sich von ihnen formen ließ. Vom Funkeln seltener Steine bis zur Rolle königlicher Patronage, von globalen Quellen der Materialien und Inspiration bis zu Fragen wie Identität und Luxus – diese Schau öffnet viele Türen dazu, wie wir heute über Luxus, Kunst und Identität denken.
Es werden seltene und spektakuläre, teils nie öffentlich gezeigte Stücke gezeigt. Die Ausstellung zeigt nicht nur die bloße Schönheit der Stücke, die beleuchtet auch Patronage und globale Netzwerke und ist ein edles Dokument Designgeschichte. Die Gestalter haben eine faszinierende Atmosphäre von Erhabenheit geschaffen, schlicht durch den Fokus auf Licht und Raumwirkung. Skizzen, Modelle, historische Fotos und Filme liefern zusätzliches Hintergrundwissen und veranschaulichen Entstehungsprozesse.
Manche Stücke geraten neben späteren Highlights in den Hintergrund. Koloniale und ethische Fragen werden nicht so stark thematisiert, wie es manche Besucher vielleicht erwarten. Und was haben Museen mit Luxus zu tun? Luxusobjekte werden privat getragen, Museen machen sie öffentlich und interpretieren sie auf verschiedene Weise, als Kunst, Geschichte, Kultur oder Kritik.
Wer vor Mitte November 2025 in London ist, sollte sich diese Ausstellung nicht entgehen lassen. Ich empfehle sie allen Schmuckliebhabern, Designinteressierten und allen, die sich für ästhetische und historische Zusammenhänge interessieren. Für Kunstfreunde und jene, die sich überraschen, bilden, bewundern lassen wollen – hier findet man Staunen, Wissen und Inspiration. Auch der Ausstellungskatalog lohnt sich für alle, die tiefer einsteigen möchten.
Allerdings kann die Fülle überwältigend sein. Tipp: Die Ausstellung nicht nur einmal, sondern mehrfach besuchen. Auch kurze Abstände zwischen den Besuchen während eines mehrtägigen London-Trips vertiefen die Impressionen. Ich war innerhalb in drei Tagen zweimal in der Ausstellung und konnte dadurch mehr entdecken und ausgiebig betrachten.
Hohe Ticketnachfrage und Kosten haben die Zugänglichkeit eingeschränkt. Unterdessen ist die Ausstellung bis zu ihrem Ende restlos ausverkauft. Aber es gibt einen Trick, wie man doch nicht in diese Ausstellung kommt: Besorge Dir eine einjährige Membership. Mit ihr kannst Du jederzeit, so oft wie Du willst und ohne weitere Kosten diese und auch alle weiteren, in der Regel kostenpflichtigen Sonderausstellungen besuchen. Außerdem bekommst Du im großen, imposanten Museums-Shop und in den Restaurants 10 Rabatt auf Deine Einkäufe.
Besuchsinfos
Ort: Sainsbury Gallery, V&A South Kensington, London
Zeitraum: Noch bis 16. November 2025
V&A-Mitglieder haben jederzeit bis zum Ende der Ausstellung freien Zugang.
Zeit einplanen: Mindestens zwei Stunden. Es gibt viele Objekte, detaillierte Texte, kleine Schmuckstücke und Archivzeichnungen, ideal zum Verweilen und Entdecken.
Mehr als nur Fotomotive: Nicht nur das Blitzlicht festzuhalten, sondern Materialien, Lichtführung, Funken eines Edelsteins, die Feinheit einer Fassung zu erleben. Viele Stücke sind aus der Nähe besonders beeindruckend.
Fotos: Beate Paschke

